Bericht von Dr. Volker Wedler

wedler_01_spitalVom 24. Oktober bis 8. November 2014 beteiligten sich Dr. Florian Jung und Dr. Volker Wedler von Interplast‐Switzerland an der «Mission Burkina Faso 2014» als Rekonstruktive Chirurgen, in Kooperation mit: Noma-Hilfe Schweiz, Rotary Club Appenzell und Ensemble pour Eux. Das gesamte Team wurde von Astrid Bergundthal unter der finanziellen und administrativen Hilfe des Rotary Clubs Appenzell und der Noma-Hilfe Schweiz zusammengestellt. Unser Deutschschweizer Kernteam setzte sich aus zwölf Helferinnen und Helfern zusammen, darunter Operationsschwestern, Krankenschwestern, Anästhesieschwestern, MPAs, zwei Anästhesisten und drei Chirurgen.

Organisation vor der Mission

Astrid Bergundthal, ehemalige OP-Leiterin der ORL (HNO) Klinik im Kantonsspital St.Gallen und Mitglied des Rotary Clubs Appenzell, übernahm die gesamte Organisation der Mission Burkina Faso 2014. Dafür brachte sie die Noma-Hilfe Schweiz, Interplast Switzerland und die übrigen Teammitglieder erst an einen Tisch und dann nach Burkina Faso. Es kam drei Monate vor der eigentlichen Mission zu einem Treffen der gesamten Gruppe, wo neben dem Kennenlernen die Teilnehmer aus jeder Disziplin die notwendigsten Mindestanforderungen, Materialien und sonstigen Bedürfnisse für deren fachspezifische Arbeit vorbrachten. Einig waren wir uns alle, nur dann nach Burkina Faso zu reisen, wenn kein Fall von Ebola vorliegen würde, da wir dann das potentielle Risiko im Verhältnis zum Nutzen unserer Hilfe nicht eingehen wollten. Im Sommer kam es neben der bereits zugesagten Spende vom Rotary Club Appenzell zu einer Tombola dieses Clubs, wo auch Astrid Bergundthal und ich aktiv für unsere «Sache einstehen» konnten. Zusammen mit den Mitteln der Noma-Hilfe Schweiz hatten wir ein Budget von 50’000 Franken zur Verfügung. Das Geld wurde für Medikamente, medizinische Geräte und Reisekosten gebraucht, was sehr anschaulich mit den von uns mitgenommenen 15 Alu-Kisten, zum Ausdruck gebracht werden konnte. Somit mussten wir bei den bekannten Gewichtslimiten am Vorabend unseres Abfluges als geschlossene Gruppe mit allen Kisten und persönlichen Koffern am Flughafen Zürich einchecken, was nach «kleinen Umverteilungen» problemlos vonstatten ging.

Anreise

wedler_02_ankunftSowohl der Abflug in Zürich am Freitag, 24. Oktober 2014, als auch der Transfer via Brüssel und die Ankunft in Ouagadougou (Hauptstadt von Burkina Faso) waren unproblematisch. Desgleichen wurden wir als Gruppe mit allen Kisten spontan durch den Zoll gelassen, wo in der Ankunftszone bereits die Autos des kleinen pädiatrischen Spitals Peres aus Ouahigouya und deren Fahrer auf uns warteten. Eine Besonderheit war, dass die Ehefrau des Spitaldirektors von Peres, Aissata Zala, eine unserer Fahrerinnen war und mit uns in die kurze äquatornahe Dämmerung und Dunkelheit, 180 km nach Nordosten fuhr. Jeder, der die Strassenverhältnisse in «weniger entwickelten» Ländern kennt, weiss, warum wir vier Stunden für diese Distanz nach Ouahigouya gebraucht haben. Trotzdem, die Anreise verlief weiterhin perfekt. Zu unserem Deutschschweizer Team gesellten sich vor Ort sechs Mitglieder von Essemble pour Eux (Westschweiz), die für die Pflege, Animation und Aufsicht der Kinder, welche wir operierten, aber auch für deren Geschwister, zuständig waren.

Infrastruktur vor Ort

Nach kurzen Vorbereitungen und Inspektionen der OP-Säle sowie der übrigen Infrastruktur konnten wir mit der Arbeit beginnen. Das Anästhesieteam brachte die Beatmungsgeräte zur vollen Funktion und das OP-Team ordnete, desinfizierte und sterilisierte Instrumente und die beiden OP-Säle. Die Voraussetzungen für die Narkosen und steriles Operieren war gegeben. Es wurde von uns mitgebrachtes Material (600 kg) in den OP-Trakt transferiert. Erfreulicherweise bestand im OP-Gebäude keine enorme Unordnung, aber die schweizerische Ordnung war auch nicht zu finden. Wir stellten fest, dass oft mit guten Absichten viel Material nach Afrika geschickt wird, das nicht wirklich dient und dort in Vergessenheit gerät. So warfen wir als erstes relativ viel Material aus den aktiven Räumen. Unser Material wurde eingeräumt und die OP-Säle mit den alltäglichen Gebrauchsgegenständen bestückt. Die OP-Fachfrauen stellten Instrumentensets zusammen und brachten Ordnung in das Instrumentenlager. Das Anästhesie-Team suchte die notwendigen Materialien und Medikamente zusammen und testete die Narkosegeräte, welche dann ab dem zweiten Tag eingesetzt werden konnten. Am zweiten Tag wurde mit den Sprechstunden und der Evaluation der Patienten begonnen. Jeder Patient wurde mit einer Nummer fotografiert und dessen Krankengeschichte digital dokumentiert. Dementsprechend wurden nach Prioritäten die OP-Programme erstellt und andere diagnostische Schritte eingeleitet.

Medizinische Tätigkeit

Im Zeitraum vom 27. Oktober bis 4. November 2014 wurden von uns 89 Patienten untersucht und davon 45 Patienten an zehn OP-Tagen in zwei OP-Sälen, mehrheitlich Kinder und Jugendliche, operiert. Zusätzlich initiierten wir: fünf Computer Tomografien, sechs Ultraschall Untersuchungen, drei Histologische Untersuchungen, 15 Patienten zur postoperativen Physiotherapie. Vom Gesamtkollektiv der operierten Patienten waren 32 Kinder, sechs Kinder waren unter einem Jahr, zehn Kinder zwischen eins und vier Jahren, sieben Kinder zwischen vier und acht Jahren und neun Kinder zwischen acht und 18 Jahren. 27 Eingriffe wurden im Gesichts-/Kopf-Bereich durchgeführt, davon fünfmal wegen Noma und neunmal wegen Lippenspalten. Die übrigen Eingriffe waren Folgen von Verbrennungen, Schlangenbissen, angeborenen Fehlbildungen und weiteren Ursachen. Vor allem wurden 34 Allgemeinanästhesien und elf Kombinationsanästhesien mit Allgemeinanästhesie und axillären, interscalenären Blockaden durchgeführt.

Postoperative Phase

Postoperativ wurden die Patienten im Aufwachraum überwacht, bis sie auf die Pflegestation verlegt wurden, wo sie die erste postoperative Nacht verbrachten. Die postoperative Überwachung und Pflege wurde von den Pflegefachfrauen von Ensemble pour eux übernommen. Durch die exzellente Arbeit im Aufwachraum und auf der Pflegeabteilung konnte das chirurgische und anästhesiologische Team sich guten Gewissens auf die operative Arbeit konzentrieren.

Unser Alltag im OP und Unruhen in Burkina Faso

wedler_03_abladenAm Donnerstag, 29. Oktober 2014, sollte das Parlament den Paragraph 37 der Verfassung von Burkina Faso ändern, damit der amtierende Präsident Blaise Compaoré, sich im November 2015 wieder zur Wahl stellen könnte. Schlimmstenfalls müssten die Leute Burkina Faso weitere 15 Jahre mit ihrem ungeliebten Präsidenten verbringen. Doch das Volk hatte nach fast 30 Jahren seiner Herrschaft mehr als genug von ihm. Es reichte ihnen die Vorstellung, dass Comparoré sich wieder zur Wahl stellen könnte. Die Gefahr des Wahlbetruges war sehr wahrscheinlich. Sämtliche Abgeordnete waren Marionetten des Präsidenten. So erhoben sich mehr als 1 Million Menschen in der Hauptstadt und demonstrierten gegen die Verfassungsänderung. Am Dienstag, 27. Oktober, wurden Demonstrationen im ganzen Land durchgeführt und ein Generalstreik ausgerufen. Am Mittwoch brannte das Parlament und es kam die Meldung, der Präsident sei an die Elfenbeinküste geflohen. Diese Information wurde ein paar Stunden später zurückgenommen. Es war unklar, wo der Präsident war und wie das Militär reagieren würde. Uns hingegen war klar, sollte sich das Militär auf die Seite des Präsidenten schlagen, stünden wir sehr schnell inmitten eines Bürgerkrieges. Aber mit Ausnahme weniger trauriger Zwischenfälle blieb die Situation friedlich und wir konnten weiterarbeiten. Wir wussten immer, dass wir nicht die Gegner waren, aber wie ein Volk oder auch nur chaotische Gruppen sich in Abwesenheit eines legalen, funktionierenden Staatsapparates verhalten, ist nie vorauszusagen. Am Dienstag, dem 2. OP-Tag, kam es zu einer Verzögerung, da nicht mehr genug Sauerstoff zur Verfügung stand und wir wussten, dass wegen des Generalstreiks mit noch mehr Schwierigkeiten zu rechnen war, da der Transport von Gütern sehr gefährlich wurde. Die Lieferanten riskierten, dass ihre Fahrzeuge angezündet wurden. Irgendwie gelang es dem Chef des OP-Traktes, Karim Zonga, trotzdem immer wieder, unsere Materialwünsche zu erfüllen. Auch der Sauerstoff wurde geliefert und wir konnten ohne weitere Verzögerungen alle Operationen durchführen. Die regelmässigen Improvisationen wurden als spannende und interessante Abwechslung empfunden.

Operationen

Von den 45 durchgeführten Operationen waren 39 bis zu unserer Abreise erfolgreich. Bei drei Patienten musste der Eingriff, ohne den Tumor komplett entfernen zu können, beendet werden. Es konnte durch die Operation (Biopsie) die Diagnose gestellt werden, aber wegen der Gefahr einer zu starken intraoperativen Blutung wären bei diesen Patienten die Konsequenzen verheerend gewesen. Eine weitere Operation war eine Revision, da ein Teil des vernähten weichen Gaumens wieder aufgegangen war. Eine Hauttransplantation bei einer chronischen Wunde ist nur partiell angegangen. Alle anderen Resultate waren gut bis sehr gut. Ein Teil der Patienten blieb noch zur weiteren Behandlung und Physiotherapie stationär. Die anderen Patienten reisten vor dem OP-Team ab.

Limite

Leider konnten diverse Patienten nicht von uns behandelt werden. Es gab Patienten mit Unterkiefertumoren. Die eingeholten CT’scans zeigten die Tumorausdehnung und damit unsere Einschränkungen der Durchführbarkeit. Auch waren die Möglichkeiten für die Lippen-Kiefer-Gaumenspalten-Chirurgie nicht gegeben.

Unsere Abreise

Am Freitag, 7. November 2014, verliess das gesamte OP-Team und ein Teil von Essemble pour Eux Burkina Faso. Da seit zwei Wochen nur noch ein unregelmässiger Flugverkehr stattgefunden hatte, fanden wir uns sehr früh am Flughafen ein. Zudem war Frau Zala zwei Tage vorher einen ganzen Tag in Ouaghadougou unterwegs gewesen, damit wir alle unterschriebenen Rückflugbestätigungen hatten. Nach erfolgreichem Einchecken reichte es noch für einen kurzen Besuch des Kunstmarktes. Auf dem Weg zum Markt sahen wir die Ruinen des abgebrannten Parlamentes und der Nebengebäude, davor eine Vielzahl abgebrannter Autos. Uns wurde nochmals bewusst, wie nahe wir an einer humanitären Katastrophe gewesen waren. Das letzte gemeinsame Nachtessen genossen wir bei Mama Tenga, einem Restaurant, gegründet von einer Deutschen, die nach einer schicksalhaften Reise durch Westafrika in Burkina Faso blieb und sich nun um Strassenkinder und andere unterprivilegierte Menschen ohne Chance kümmert. Pünktlich flogen erst die drei Teilnehmer mit der Air France ab, gefolgt vom Rest, der via Brüssel auch nach Zürich flog.

Danksagung

Interplast Switzerland möchte sich an dieser Stelle bei Frau Astrid Bergundthal mit grossem Respekt für ihr enormes Engagement zur Planung und Durchführung der Mission, herzlich bedanken.

Schlusswort

Wir hoffen, mit den Informationen dieses Berichtes das Interesse des Lesers für unsere Arbeit und nächsten Missionen gewonnen zu haben und wir möchten betonen, dass wir ohne Ihre Spenden solche Hilfeleistungen in «weniger entwickelten Staaten» nicht durchführen könnten.

Bottighofen, 9. November 2014, Dr. Volker Wedler

 

Der ausführliche Bericht von Dr. Volker Wedler als PDF

Hinweis: Der ausführliche Bericht enthält Bilder von Patientinnen und Patienten mit entstellten Gesichtern.