Bericht Noma Hilfe Schweiz 2014 aus Persis, Ouahigouya, Burkina Faso

Vorwort

noma01Am Samstag, 8. November 2014, fand sich das OP Team des RC Appenzell gesund und munter im Star Bucks Coffee Shop am Flughafen Kloten ein. Neun Mitglieder waren in der Nacht von Burkina Faso über Brüssel in die Schweiz zurückgereist, die anderen drei Mitglieder via Paris und Zürich. Das wir alle pünktlich und zum geplantem Termin eintrafen, hatten wir eine Woche vorher noch bezweifelt, waren doch sämtliche Grenzen gesperrt, der Flughafen geschlossen und das gesamte Land im Ausnahmezustand.

Aber schlussendlich hat alles geklappt. Ein tolles Team, das menschlich wie fachlich hervorragend funktionierte, und die strategischen und operativen Ziele erreicht hat, ist glücklich gelandet. Wir danken allen, die zu diesem Erfolg beigetragen haben. Viele engagierte Menschen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass diese Mission zustande kam. Wir konnten vielen kleinen und grossen Patienten Hoffnung, sowie eine Verbesserung der Lebensqualität, bringen.

Menschen, Fakten, Zahlen

noma02Die Mission dauerte vom 27. Oktober bis 7. November. Beteiligt waren 12 Mitglieder des OP Teams Mission Appenzell (Deutsche Schweiz): Dr. Alfred Jacomt (FMH Anästhesiologie und Intensivmedizin), Dr. Florian Jung (FMH Plastische, rekonstruktive und Handchirurgie), Dr. Walter Kistler (FMH Kinderchirurgie), Dr. Stephanie Thaler (In Fachausbildung Anästhesie), Dr. Volker Wedler (FMH Plastische, rekonstruktive und Handchirurgie), Ruth Schick (Anästhesiepflegefachfrau), Gitti Stampfer (Anästhesiepflegefachfrau), Stephanie Brunschwiler (Technische Operationsfachfrau), Margot Carduck (OP Pflegefachfrau), Ruth Eustorgi (OP Pflegefachfrau), Franziska Zuberbühler (Medizinische Praxisassistentin) und Astrid Bergundthal (Technische Operationsfachfrau).

Ebenfalls beteiligt waren 6 Mitglieder der Mission Appenzell Westschweiz: Anne-Lise Labeyrie (EPE Infirmières), Christine Beaud (EPE Infirmières), Sylviane Collomb (EPE Infirmières), Rachel Egg (EPE Animatrices), Edith Schallenberger (EPE Animatrices), Marie-Thérèse Genoud (EPE Animatrices), Eve Collomb (EPE Animatrices). Dazu kam das Team Persis: Hubert (Bloc Persis), Infirmières, Adama (Bloc Persis), Infirmières, Karim Zango (Chef Bloc operataoire), Omar (Infirmières Bloc operatoire).

Insgesamt wurden den Teams 89 Patienten vorgestellt, davon wurden 45 behandelt. 32 dieser Patientinnen und Patienten waren Kinder. 10 gehörten der Altersgruppe 1 bis 4 Jahre an, 9 waren 8 bis 18 Jahre alt, 7 waren 4 bis 8 Jahre alt und 6 der Kinder waren jünger als ein Jahr. Operiert wurde in zwei Sälen, an insgesamt 10 Tagen.

Vorgeschichte

noma05Im Herbst 2012 lag ein Flyer, mit der Bitte um Unterstützung der Noma Hilfe Schweiz (http://www.noma-hilfe.ch), bei unserer Vorstandssitzung des RC Appenzell auf. Die Bilder der entstellten Kinder schockierten Astrid Bergundthal, da sie 20 Jahre im OP für die Hals- und Gesichtschirurgie gearbeitet hatte. Sie überlegte, wie die Defekte in den Kindergesichtern mit den Techniken der plastischen, rekonstruktiven Chirurgie behoben werden könnten. Sie stellte dem Rotary Club Appenzell den Antrag, für die Finanzierung der Mission besorgt zu sein, was dieser gerne übernahm.

Sie überlegte sich, dass sie mit ihrem Netzwerk OP-Teams zusammenstellen und über Rotary das Geld organisieren könnte. Die Frage war nur, ist Noma Hilfe Schweiz am Angebot überhaupt interessiert?

noma04bZwei Telefonate waren für diese Abklärung nötig. Das erste Gespräch führte sie mit ihrem alten Bekannten, Dr. Volker Wedler, Chefarzt für Plastische, Rekonstruktive- und Handchirurgie am Kantonsspital Frauenfeld. Es stellte sich heraus, dass er durch die Organisation Interplast Schweiz schon in Kontakt mit der Noma Hilfe Schweiz war. Er sagte seine Mitarbeit spontan zu. Das zweiten Telefonat mit Claude Junker (Geschäftsführer Noma Hilfe Schweiz) zeigte, dass Interesse an einem solchen Projekt bestand.

Geplant war, dass Volker Wedler und Astrid Bergundthal sich als erstes einer holländischen, erfahrenen Noma Mission anschliessen würden. Die Dutch Noma Foundation, mit mehr als 15 Jahren Erfahrung, musste sich nämlich aus Sicherheitsgründen einen neuen Einsatzort suchen, da Sokoto im Norden Nigerias viel zu gefährlich geworden war.

Die ersten Anfragen bezüglich Noma Patienten in Kamerun waren negativ. Viele Leute kennen die Erkrankung nicht, erst wenn typische Bilder von Noma Kindern gezeigt werden, nicken die Einheimischen. Aber ohne zuverlässige Kontakte vor Ort sind keine Missionen denkbar.

Der geplante Einsatz in Burundi musste jedoch abgesagt werden, da der Kontakt plötzlich für Monate abbrach. Erst als Bergundthal an einem Einsatz von Essemble pour Eux und Sentinell in Burkina Faso zur Behandlung von Noma Opfern teilnehmen durfte, fand sie die richtige Infrastruktur und die  benötigte Vor- und Nachsorge der Patienten. Centre Médical Chirurgical Pediatrique Persis in Ouahigouya war der OP und die Umgebung mit vielen kleinen und grossen Patienten – jetzt konnte es losgehen!

Die OP Teams

noma06Geplant waren zwei komplette OP Teams. Zwei plastische Chirurgen aus der Organisation Interplast Schweiz sagten ihre Teilnahme zu: Dr. Florian Jung, Leitender Arzt Kantonsspital Winterthur und Dr. Volker Wedler, Chefarzt Kantonsspital Frauenfeld. Ein weiterer Gewinn, war die Zusage von Dr. Walter Kistler, kürzlich pensionierter Chefarzt der Kinderchirurgie des Kinderspitales St. Gallen.

Die äussert schwierigen Voraussetzungen für den Narkosearzt erforderten einen erfahrenen ORL Anästhesisten mit grosser Fachkompetenz in der Kinderchirurgie. Mit Dr. Alfred Jacomet wurde das OP Team durch einem Anästhesisten erweitert, der genau über die richtige Fachkompetenz und Erfahrung verfügte. Seine Routine und Ruhe waren einer der wesentlichen Gründe, dass alle unsere grossen und kleinen Patienten unter schwierigen Bedingungen erfolgreich operiert werden konnten.

noma07Mit Stephanie Thaler hatten wir eine zweite erfahrende Anästhesistin. Ruth Schick und Gitti Stampfer, zwei routinierte Anästhesiepflegefachfrauen, ergänzten das Narkoseteam. Steffi Brunschwiler, Fachverantwortliche TOA Plastische und Handchirurgie im Kantonsspital Winterthur mit Ruht Eustorgi und Margot Carduck (OP – Pflegefachfrauen) brachten zusammen rund 60 Jahre OP-Berufserfahrung ins Team ein. Astrid Bergundthal (ehemalige TOA) und Franziska Zuberbühler (Medizinische Praxisassistentin) arbeiteten als Springer, wo immer sie gebraucht wurden.

Die vielen Jahre Berufserfahrung wurden täglich gebraucht, da bei Materialien und Vorgehensweise oft improvisiert werden musste. Hier kamen die Kenntnisse aus der Zeit zum Tragen, als in der Schweiz noch nicht ausschliesslich Fertigprodukte und Single-Use-Materialien zum Einsatz kamen.

Zusammenarbeit mit den verschiedenen Organisationen

Wie erwähnt, haben sich die plastischen Chirurgen in der Organisation Interplast Schweiz zusammengetan. Ihre Absicht ist es, sich bei verschiedenen Einsätzen zu unterstützen und zu ergänzen. Hoffen wir, dass sich andere Plastiker der Schweiz, zum Beispiel die Westschweizer, der Organisation anschliessen.

http://www.interplast-switzerland.ch

Sylvaine Collomb mit ihrem Team von Essemble pour Eux übernahm die Nachbetreuung der Patienten. Sie haben unglaublich viel gearbeitet. Durch ihre Erfahrung und ihr Wissen kam es zu keinen Infektionen und zu sehr guten OP-Resultaten. Unsere Bewunderung gilt dem Team von Essemble pour Eux. Sie waren während 14 Stunden pro Tag und bei 42 Grad äusserst kompetent, freundlich und hilfsbereit. Wir im OP hatten den Vorteil, meist bei angenehmen Temperaturen dank arbeiten zu können, dank der Klimaanlage.

Wir hoffen sehr, dass wir in Zukunft auf die tolle Zusammenarbeit über den Röstigraben hinweg zählen können. Trotz kleineren Sprachbarrieren herrschte eine fröhliche und entspannte Stimmung mit vielen freundschaftlichen Begegnungen.

http://www.ensemblepoureux.org/noma

CMPP-Centre Médical Pédiatrique Persis

Das Center wurde 2002 von Dr. Lassara Zala gegründet. Mit Hilfe von Hilfsorganisationen aus der Schweiz und aus Frankreich wurde dieses Kinderspital gebaut und stetig erweitert. Es besteht heute aus einer ambulanten und stationären Kinderstation. In einem weiteren Bereich werden Kinder mit Mangel- oder Fehlernährungen betreut.

Im Operationstrakt können parallel zwei OP-Teams arbeiten. Hier sind während den Wintermonaten regelmässig chirurgische Teams aus der Schweiz, früher auch aus Frankreich, im Einsatz. Ein lokaler Chirurg und ein Anästhesist führen kleinere Eingriffe während des ganzen Jahres durch.

Dr. Zala ist der Verantwortliche vor Ort und täglich als Kinderarzt im Einsatz. Unterstützt wird er durch seine Frau, Aissata Zala, die sich um Administration und Betreuung der Missionen kümmert. Zudem ist sie oft mit medizinischen Schulungsteams in den Dörfern unterwegs.

Der Lausanner, Dr. Bernard Mivelaz (pensionierter Allgemein- und Kinderarzt), ist der Verantwortliche für Persis. Mit seiner Frau Marie Irene regelt er die Finanzen zwischen Persis und der Schweiz, organisiert Hilfsgüter, Spenden und vieles mehr. Mit Marie-Irene ist er meist viele Monate im Centre und betreut unter anderem die Missionsteams.

http://www.persis-essonne.com

Die professionelle und herzliche Betreuung vor Ort im Persis Center, durch das Ehepaar Mivelaz und das Ehepaar Zala, war eine riesige Erleichterung für uns. Wir wurden abgeholt, informiert, verwöhnt, geschult, beraten und ermutigt. Und waren die Deutschschweizer für einmal ohne Arbeit, wollten sie als Touristen herumgeführt werden. Auch dieser Service war den Gastgebern nicht zu viel. Wir durften viel über Land und Leute erfahren.

Ebola

Die Vereinbarung, dass wir als Gesamtteam die Mission absagen würden sollte Burkina Faso Ebola Fälle haben, wurde im April getroffen. Erst sah es so aus, als würde sich die Situation in Westafrika stabilisieren. Dann geriet die Situation mehr und mehr ausser Kontrolle. Die Anzahl Tote stieg und alle hatten Angst, dass sich die Epidemie schnell auf andere Länder ausbreiten würde.

Alle Aktivitäten wurden gestoppt, da wir kein Spendengeld ausgeben wollten im Wissen, dass vielleicht die Mission abgesagt werden müsse. Ende September war Burkina Faso jedoch immer noch frei von Ebola. Wir entschieden uns die Mission durchzuführen.

Material und Medikamente

In Exceltabellen trugen wir zusammen, was wir an Material und Medikamenten mitnehmen mussten. Am 5. Oktober stellten wir die Container und Koffer zusammen. Air Brussel und Air France hatten uns für den Hinflug zusätzliche 200 Kilo erlaubt. Bis Abflug zum hatten wir für das gesamte Team ein Gesamtgewicht von 750 Kilo zusammen. Die grosse Frage blieb, wie der Zoll in Burkina Faso angesichts der Gepäckmasse reagieren würde.

Die Reiseplanung

9 Teilnehmende reisten mit dem günstigen Flug von Air Brüssel am Freitag, 24. Oktober 2014, an. Der gemeinsame Check in am Vorabend war Auftakt und bei allen spürte man die freudige Anspannung. Mit Zwischenstopp in Brüssel ging es nach Ouagadougou. Der Ausblick auf die scheinbar unendliche Sahara liess uns erahnen, in welchem Klima wir uns bald wieder finden würden. Das Team Air France reiste am Samstag an und übernachtete noch in der Hauptstadt, bevor es am Sonntagmittag auch in Ouahighouya eintrafen.

Abreise und Ankunft, die unbekannte Variabel: der Zoll in Burkina Faso

noma03Obwohl die Freundschaft zwischen der Schweiz und Burkina Faso durch ein Schreiben des Botschafters in Genf bestätigt war und Dr. Zala (Persis) ergänzend bestätigte, dass alle Materialien sowie Medikamente zu Gunsten eines medizinischen humanitären Projektes nach Ouahigouya gingen, waren wir am Zoll nervös. Auch die „heisse“ Tasche mit einem Plastiksack voll mit Betäubungsmitteln (für die Narkose) war nicht geeignet, um uns zu beruhigen.

Aber als wir mit der grossen Liste und einem Heer an Gepäckträgern am Zoll vorbeiliefen, wurden wir nur kurz gestoppt. Schnell wurden die grossen Packlisten gezückt und vorgelegt. Bei der Menge an Blättern, Schreiben und Materialien wurde die Zöllner schon auf Anhieb müde und winkten uns aufmunternd durch! Die Betäubungsmittel wurden nicht speziell erwähnt. Ganz im Sinne der schlafenden Hunde…

Ein kleiner Transporter fasste das Gepäck und mit einem Kleinbus sowie einem Personenwagen wurde die Equipe – das sind über 250 Kilometer – in den Nordwesten nach Ouahigouya gefahren.

Infrastrukturen Persis

Am Samstag, 25. Oktober 2014, wurde das Gepäck in den OP-Trakt transferiert. Mit einer gewissen Ernüchterung wurden die Räumlichkeiten bezogen. Die Ordnung liess zu wünschen übrig. Wir stellten fest, dass oft mit guten Absichten viel Material nach Afrika geschickt wird, das den Zielpersonen nicht dient und vor sich hin mottet.

Unser Material wurde eingeräumt und die OP-Säle bestückt. Die OP-Fachfrauen stellten Instrumentensets zusammen und brachten Ordnung in das Instrumentenlager. Die Anästhesie–Fachfrauen suchten die Materialien und Medikamente zusammen, testeten die Narkosegeräte. Mit Freude stellten wir fest, dass immerhin die Hälfte der Narkose- und Überwachungsgeräte funktionierte. So schafften wir einen pünktlichen OP-Beginn.

Triage und OP-Planung

Am Samstag wurden von den Ärzten die ersten wartenden Patienten triagiert. Die erste Gruppe war aus Mali angereist, und wir hatten zum Teil schon Fotos der möglichen OP-Kandidaten gesehen.

Total wurden 89 Patienten in 11 Tagen angeschaut. Die Hälfte konnte operiert werden. Ein paar Patienten waren Nachkontrollen von frühen Missionen. Ein Teil wurde zu Voruntersuchungen geschickt. Die Ultraschalluntersuchungen konnten in Ouahigouya durchgeführt werden, die Patienten für die Computer-Tomographien mussten in die Hauptstadt reisen.

Was für uns einfach und selbstverständlich ist, muss dort mit viel Aufwand und zeitlichen Ressourcen koordiniert werden. Biopsien, CT, zusätzliche Untersuchungen wurden speziell durch die Generalstreiks und durch die Unruhen für eine Woche unmöglich.

Ziel war es, bis Montag das OP-Programm für zwei Wochen zusammenzustellen. Begonnen wurde mit den schwierigen Eingriffen, die Komplikationen mit sich bringen können. Gegen Ende standen die einfacheren, unkomplizierten Operationen auf dem Plan. Durch die politischen Unruhen und dem folgenden Generalstreik kam es dann aber zu Situationen, in der wir Tag für Tag das OP Programm erstellten.

Narkose und andere Probleme der Anästhesie

Die Infrastruktur vor Ort war allgemein in einem guten Zustand. Das galt vor allem für Räumlichkeiten, Stromversorgung und Klimatisierung. Die anästhesiologischen Geräte waren aber nicht alle im beschriebenen Zustand. Zum Teil waren die Geräte defekt, funktionsunfähig oder nicht für pädiatrische Anästhesien geeignet.

Insbesondere machte dem anästhesiologischen Team zu schaffen, dass kein Monitoring von CO2 möglich war, weder endexspiratorisch, noch transcutan. Dies erschwerte die anästhesiologische Arbeit, da eine unzureichende Sicherung der Atemwege erst nach Abfall der Sättigung erkannt werden konnte. Ohne Sauerstoffmessung konnte das CO2 nicht überwacht werden.

noma11Für die Überwachung der Ventilation standen wenig Mittel zu Verfügung. Es konnten Atemwegsdrucke an einem Gerät mittels Kreismanometer und am Respirator gemessen werden. Eine genaue Einstellung der Atemzugsvolumina und des Atemminutenvolumens konnte nicht vorgenommen werden. Die Kontrolle der Ventilation war wegen der fehlenden CO2-Messung nicht möglich.

Erst vor Ort wurden uns die Patienten vorgestellt. So war nicht im Voraus bekannt, wie alt und wie gross die Kinder waren. Dadurch konnte nicht detailliert geplant werden, welche Grössen von Tuben/Verweilkanülen nötig sein werden. Da vor Ort noch ein kleiner Bestand an RAE-Tuben vorhanden war, konnten wir unseren Engpass überbrücken.

Alltag im OP und Unruhen im Land

Am Donnerstag, 29. Oktober 2014, sollte das Parlament den Paragraph 37 der Verfassung von Burkina Faso ändern, damit der Präsident Blaise Compaoré, sich im November 2015 wieder zur Wahl stellen könnte. Schlimmstenfalls müssten die Leute Burkina Faso weitere 15 Jahre mit ihrem ungeliebten Präsidenten verbringen.

Doch das Volk hatte nach fast 30 Jahren seiner Herrschaft mehr als genug von ihm. Die Gefahr eines Wahlbetruges war gross. Sämtliche Abgeordnete waren Marionetten des Präsidenten, da jene mit einer eigenen Meinung regelmässig Opfer von Verkehrsunfällen wurden. So erhoben sich mehr als 1 Million Menschen in der Hauptstadt und demonstrierten gegen die Verfassungsänderung.

noma12Bereits am Dienstag, 28. Oktober, fanden Demonstrationen im ganzen Land statt und es wurde ein Generalstreik ausgerufen. Am Mittwoch brannte das Parlament und es hiess, der Präsident sei in die Elfenbeinküste geflohen. Diese Information wurde später widerrufen. Es war unklar, wo der Präsident verblieben war, und wie das Militär reagieren würde. Uns hingegen war klar: Sollte sich das Militär auf die Seite des Präsidenten schlagen, stünden wir schnell inmitten eines Bürgerkrieges. Unsere rekonstruktive Chirurgie wäre beendet und wir mit einem Szenario der Kriegschirurgie konfrontiert worden.

Aber mit Ausnahme weniger trauriger Zwischenfälle blieb die Situation friedlich und wir konnten weiterarbeiten. Wir wussten, dass wir nicht die Gegner waren, aber wie ein Volk oder chaotische Gruppen sich in Abwesenheit eines legalen, funktionierenden Staatsapparates verhalten würden, war unklar.

Am Dienstag, dem zweiten OP-Tag kam es zu einer Verzögerung, da nicht mehr genug Sauerstoff zur Verfügung stand. Wir wussten, dass wir bei der Beschaffung mit noch mehr Schwierigkeiten zu rechnen hatten, da mit dem Generalstreik der Transport von Gütern sehr gefährlich wurde. Die Lieferanten riskierten, dass ihre Fahrzeuge angezündet wurden.

Irgendwie gelang es dem Chef des OP-Traktes, Karim Zonga, aber unabhängig davon unsere Materialwünsche zu erfüllen. Auch der Sauerstoff wurde geliefert, und wir konnten ohne weitere Verzögerungen alle Operationen durchführen. Die regelmässigen Improvisationen wurden als spannende, interessante Abwechslung empfunden. Zu sehr sind wir in der Schweiz daran gewohnt, dass alles in jeder Form und Grösse zur Verfügung steht.

Wir operierten anfangs zwischen 6 bis 8 Patienten pro Tag. Wir hatten uns vorgenommen, je nach Anzahl der noch zu operierender Patienten, aber auch am Sonntag zu arbeiten. Da jedoch viele der bestellten Patienten nicht angekommen waren (der Generalstreik), nahmen wir uns am Sonntag frei und besichtigten Ouahigouya.

Wir gingen in die Kirche und genossen die schönen Chöre. Beim Besuch des Marktes kauften wir Tomaten und Spaghetti ein. Unsere italienische-tiroler Anästhesieärztin wurde zur Chefköchin befördert und musste sich der Mission Spaghetti Napoli stellen. Die Burkina Faso-Küche wurde unseren Essgewohnheiten angepasst. Trotzdem freuten wir uns alle auf eine grosse Portion Pasta!

Ängste und Freuden

Die Menschen waren froh, über die mehrheitlich gewaltfreie Absetzung des Präsidenten. Doch wie die Bevölkerung auf die Übernahme der Staatsgewalt durch das Militär reagieren würde, war noch nicht klar und auch diese Sorge spürten wir bei unseren Arbeitskollegen und in der Kirche. Unsere täglichen Freuden dagegen waren die lächelnden Gesichter unserer grossen und kleinen Patienten sowie ihrer Angehörigen.

Die Unterkunft der Patienten befand sich neben unserem Wohntrakt. So war der Heimweg nach den Operationen immer eine kurze Visite unserer Patienten. Wenn wir mehr Zeit hatten, setzten wir uns zu den Kindern und spielten mit ihnen. Rachel Egg hatte mit ihrem Animationsteam ein aktives Programm für Kinder und Mütter organisiert. Die Wände füllten sich mit Zeichnungen, Zahlen und Bastelarbeiten. Die lauten, euphorischen Gesänge der Kinder sorgte die Chirurgen und sie hofften, dass die chirurgischen Fäden in den Mündern und Gesichtern der Kinder hielten. Trotzdem waren wir alle froh, diese Menschen glücklich zu sehen.

Viele unserer Patienten sind in animistischen, abergläubischen Strukturen sozialisiert. Die entstellten Gesichter sind Zeichen von bösen Geistern und schlechten Omen. Durch die Operationen haben diese Menschen die Chance wieder vollwertig in die Gemeinschaft ihrer Dörfer aufgenommen zu werden.

Was uns bewegte: Teammitglieder und ihre Sicht

Margot Carduck:

noma13Die gute Zusammenarbeit mit allen Beteiligten des Teams, aber auch mit den Pflegefachfrauen, Animateurinnen und Einheimischen; ohne sie wäre es nicht gegangen. Arbeiten, gegenseitiges Verständnis und gemeinsamer Spass haben ist ein wichtiger Faktor. Mit wenig Mitteln so viele Menschen glücklich und zufrieden zu machen, ist eine enorme Befriedigung. Das uneingeschränkte Vertrauen der Bevölkerung in uns, ihre Akzeptanz und Herzlichkeit waren eine besondere Motivation. Sehr schön fand ich auch, die Ergebnisse miterleben zu dürfen. Schliesslich hatten wir nur eine Re-OP! Und das bei den hygienischen Verhältnissen. Ich tätige aber keine Geldspenden hier. Einfach weil ich nicht weiss, wo der Betrag landet. Vielleicht auf einem Privatkonto? Ich stelle lieber meine Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung.

Franziska Zuberbühler:

Am meisten hat mich die Zufriedenheit und liebevolle Art der Menschen beeindruckt. Wir leben im Paradies und sind immer noch unglücklich, wollen mehr. Es war schwieriger mich in der Schweizer wieder einzuleben, als dort anzukommen. Geschockt hat mich, dass sie im Land viel Gold haben und es doch eines der ärmsten Länder der Welt ist.

Alfred Jacomet:

Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Afrika gefahren, da ich an einem nachhaltigen Projekt teilnehmen wollte (sprich Ausbildung von Einheimischen) und nicht einfach um zu arbeiten. Meine Angst war, dass die operativen Kollegen sich überschätzen und sinnlose Operationen machen würden. Nach Hause bin ich mit der Gewissheit gefahren, dass einige Kinder nie behandelt worden wären, wenn ich sie nicht anästhesiert hätte und mit tiefem Respekt vor zwei Kollegen, welche enthusiastisch, engagiert und geschickt operierten,  ohne die eigenen und die technischen Grenzen zu übertreten. Geblieben ist ein freundschaftliches Band zu allen Mitgliedern der Mission, nicht zuletzt weil alle gemeinsam gearbeitet haben.

Wie ich Afrika erlebte… (Gitti Stampfer):

Es war eine Achterbahn der Gefühle, erleben zu dürfen, was es heisst wenigstens ein wenig geholfen und die Freude in den Augen der Eltern gesehen zu haben. Aber da war zugleich der Frust wegen mangelnder Infrastruktur nicht helfen zu können und die Grenzen der Möglichkeiten aufgezeigt zu bekommen, obwohl kompetentes Personal vorhanden wäre. Der Widerspruch von Armut, im Sinne von «keine adäquate Ernährung» oder «unzureichende Hygienemaßnahmen» – und das obwohl jeder ein Handy besitzt – hat mich verwirrt. Aber in zwei Wochen bekommt man auch nur einen Bruchteil davon mit, wie das Leben in Burkino Faso funktioniert. Ich habe mich auf jeden Fall sehr wohl gefühlt, war sehr gut aufgehoben, habe mich an der guten Laune der Leute richtig erfreut. Und ich bin wieder geerdet zurückgekommen und habe erneut (ich reise ja auch viel) gesehen und aufgefrischt, dass es nicht viel im Leben braucht, um Glücklich zu sein!

Stephanie Thaler:

Kindern wieder ein Gesicht schenken, war das Ziel der Appenzeller Mission. Im Oktober dieses Jahres war es soweit, als Assistenzärztin für Anästhesie wurde ich Teil des Projektes. Mit einfachen Mitteln Anästhesien durchführen, mit den Materialien und Geräten zu arbeiten, die vor Ort waren…plötzliche Stromausfälle, reduzierte Überwachungsmöglichkeiten und Engpässe bei Medikamentenlieferungen…schliesslich politische Unruhen…Eindrücke und Erlebnisse…und am Ende überwiegt die Freude, als Teil dieses Teams, Kindern wieder ein Gesicht, ein Lächeln geschenkt zu haben.

Ruth Schick:

Ich wollte schon immer in einem Hilfsprojekt mitmachen und als Astrid mich fragte, habe ich ohne grosse Überlegungen zugesagt, war allerdings auch sehr gespannt was da auf mich zukommt. Afrika war Neuland für mich. Die Zeit bei Persis war erlebnisreich, manchmal frustrierend, wenn Operationen nicht durchgeführt werden konnten, weil uns die Mittel fehlten und man weiss, dass sie in der Schweiz mit verhältnismässig wenig Aufwand durchgeführt werden könnten. Die Narkose mit wenigen Überwachungsparametern war eine Herausforderung, die wir gut meisterten. Alleine für die glücklichen Gesichter hat sich der Aufwand gelohnt. Ich gehe gerne wieder mit.

Rachel Egg, Chef d’animation:

Une mission, ça ne se raconte pas, ça se vit! Que ce soit avec l’équipe d’infirmiers, de médecins et d’animateurs, avec les cuisinières et les responsables du centre et bien sûr, avec les patients ainsi que leurs familles, chaque expérience est différente de ce qu’on peut vivre dans notre quotidien européen. Et c’est pour ça que j’y retourne.

Erfolge und Grenzen

noma14Von den 45 durchgeführten Operationen waren 39 erfolgreich. Bei 3 Patienten musste der Eingriff ohne Tumorentfernung beendet werden. Zwar konnte eine Diagnose gestellt werden (Hämangiom), aber eine Blutung mit verheerenden Konsequenzen wäre wahrscheinlich gewesen. Eine Operation war eine Revision, da ein Teil des vernähten weichen Gaumens wieder aufgegangen war. Eine Hauttransplantation bei einer chronischen Wunde wurde nur partiell angegangen. Alle anderen Resultate waren gut bis sehr gut. Ein Teil der Patienten blieb zur weiteren Behandlung und Physiotherapie stationär. Die anderen Patienten reisten vor dem OP-Team ab. Der grösste Teil der Patienten aus Mali war schon Tage früher nach Hause zurückgekehrt.

noma15Leider konnten diverse Patienten nicht behandelt werden, jene mit Unterkiefertumoren. Die eingeholten CT zeigten die Grösse und Abgrenzungen der Tumore und wir hoffen, dass nachfolgende Teams vielleicht mehr machen können. Wir wollten bei unserem ersten Einsatz nichts riskieren und konzentrierten uns, wie vereinbart, auf mögliche, sichere und sinnvolle Operationen.

Ein Mädchen mit einem grossen Hämangiom mussten wir leider ohne Lösung ihres Problems zurücklassen. Vielleicht finden wir einen Weg ihren Tumor durch interventionelle Angiologie zu embolisieren. Ein dreijähriger Junge wurde von Walter Kistler untersucht und bei ihm wurde eine Störung der Blasentätigkeit festgestellt. Die benötigte Operation bräuchte eine Technik, die wir vor Ort nicht zur Verfügung stellen konnten. Der Eingriff ist in der Schweiz Routine und kann ambulant durchgeführt werden. Zurzeit läuft die Planung, dass René in der Schweiz behandelt wird.

Abreise

Am Freitag verliess das gesamte OP-Team und ein Teil von Essemble pour Eux Burkina Faso. Da seit zwei Wochen nur noch ein unregelmässiger Flugverkehr stattgefunden hatte, fanden wir uns sehr früh am Flughafen ein. Zudem war Frau Zala zwei Tage vorher einen ganzen Tag in Ouagadougou unterwegs gewesen, damit wir unterschriebene und gültige Rückflugsbestätigungen hatten.

Nach erfolgreichem Einchecken reichte es noch für einen kurzen Besuch des Kunstmarktes. Auf dem Weg zum Markt sahen wir die Ruinen des abgebrannten Parlamentes und der Nebengebäude. Düster wirkten davor die angezündeten Autos. Uns wurde bewusst, wie nahe wir an einer humanitären Katastrophe gewesen waren.

Das letzte gemeinsame Nachtessen genossen wir bei Mama Tenga, einem Restaurant gegründet von einer Deutschen, die nach einer schicksalshaften Reise durch Westafrika in Burkina Faso blieb und sich nun um Strassenkinder und andere, unterprivilegierte Menschen ohne Chancen kümmert.

Pünktlich flogen erst die drei Teilnehmer mit der Air France ab, gefolgt vom Rest, der nach Brüssel flog.

Zukunftspläne

Wir konnten Kindern und Erwachsenen mit verschiedenen Krankheitsbildern helfen. Noma ist in dieser Region, dank guter Schulung, Prävention und Information, selten geworden. Viele Patienten brauchen trotzdem Hilfe, da sie unter schlecht verheilten Brandwunden, Tumoren, Ulcera und vielem mehr leiden.

Noma Operationen

Sehr gerne möchten wir unser Wissen und Können in diesem Sinne zur Verfügung stellen. Da die Noma Fälle in Mali und im Niger nicht mehr operiert werden (Sicherheitslage), sind wir selbstverständlich bereit, diese Leute in Ouahigouya zu operieren.

Wir sind aber in der Schweiz berufstätig und ein Transfer von Mali oder Niger nach Ouahigouya mit allen administrativen Arbeiten muss von anderen Organisationen vor Ort übernommen werden. Diese koordinativen Aufgaben müssen wir übergeben. Wie schon früher besprochen: Wir können OP Teams und Material organisieren, die Patienten und die Infrastrukturen vor Ort müssen über andere NGO organisiert werden.

Infrastrukturen/Medizinische Geräte Persis

Bei der Suche und Organisation von medizinischen Geräten helfen wir gerne. Wir stellen unsere Netzwerke und unser Fachwissen, eventuell auch unsere Gelder bei Bedarf für die benötigten Infrastrukturen zur Verfügung.

Geplanter Termin Mission Appenzell 2. Dezember 2015

Gerne planen wir unseren nächsten Einsatz auf die ersten zwei Dezemberwochen 2015. Vor den definitiven Flugbuchungen ist die Sicherheitslage, speziell im Hinblick auf die geplanten Wahlen November 2015, zu analysieren und zu beurteilten.

Zusammenarbeit und Strukturen

Sehr gerne möchten wir mit den geschätzten Organisationen Noma Hilfe Schweiz, Essemble pour Eux, Persis weiterhin zusammenarbeiten. Uns ist es aber sehr wichtig eigenständig zu bleiben und unserer Philosophie sowie unseren Werten treu zu bleiben. Wir helfen gerne allen, die

  • ihre Behandlung selber nicht bezahlen können,
  • Aussicht auf gute Resultate haben,
  • den Patienten die grösstmögliche Sicherheit bieten können,
  • unser Personal nicht gefährd

Folgende Punkte sind für uns nicht verhandelbar:

  • Wir sind für die Auswahl der Mitglieder der Missionsteams verantwortlich.
  • Wir können Operationen jederzeit aus Sicherheitsgründen ablehn
  • Die Triage was und wie operiert wird, liegt in der Entscheidung der Tea
  • Wir versuchen pro Jahr eine Mission zu stellen, wo und wie sich der Einsatz gestaltet, liegt in der Entscheidungsbefugnis des Team
  • Wir sind frei in der Wahl der Transportmittel und Fluglinien, mit der Akzeptanz, dass wir auf Unterstützung oder Verbilligungen verzichten müssen.

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Mission RC Appenzell 1 konnte erfolgreich abgeschlossen werden.

Vielen Dank all jenen, die das ermöglicht haben!

 

Bericht von Astrid Bergundthal